Haus Edelmann in Ottersweier
Familie Dethleffs verabschiedet sich zur Reise am 11.Apil 1934 von Fridels Mutter.
vorne von links: .
Fridel Dethleffs-Edelmann, Ursula mit 9 Monaten auf dem Arm der Oma Edelmann neben Arist Dethleffs

Die ersten Erfahrungen

Ursula machte Kletterversuche an ihrem Gitterbettchen, weswegen sie jetzt ein Netz bekommt, das sie vor dem Herausfallen schützt.

Ich kochte meinen ersten Kaffee im „eigenen Heim“, der stark nach der Kaffeemaschine schmeckte  

Superkomfort: elekrisches Licht im Wohnauto

Arist schrieb am Abend bei elektrischem Licht seine Aufträge von den Kunden an die Fabrik Dethleffs S.2

Gefühl der Sicherheit

Beim Einschlafen bescherten uns Regentropfen ein kleines Trommelfeuer als Konzert – das uns in unserer „Trockenheit“ mit großer Genugtuung erfüllte.S.3

Von der Polizei gesucht

Bei Heilbronn: Folgenden Tags fuhren uns 2 Polizisten nach und fragten nach woher und wohin. – Sie suchten ein Wohnnomadenauto auf Grund eines Steckbriefs. Wir amüsierten wir uns sehr über deren Gründlichkeit. S. 3

Als Mondreisende bestaunt

In Dörfern und Städten umstanden uns Scharen von Kindern und Erwachsenen, die uns wie Mondreisende bestaunten.

„Ha, was ‚s doch älles gibt!“ „Was sie net älles machet.“ „So die machets g’schickt.“

hieß es allerseits. Ein kleiner Bursche fragte leise seinen Nebenmann: „Sind des Zirkusleit?“ und eine dicke Bäuerin fragte mich was wir „feil hättent“! Im Allgemeinen wurden wir aber als „Luxurreisende“ beneidet. Für Ursula waren diese Haltestationen höchste Wonne – sie stand aufrecht da und lachte übers ganze Gesichtchen und mit jedem, der sie ansprach. Und darüber vergaßen – vor allem die Kinder – schnell das Mondauto und unterhielten sich mit der ¾-jährigen Weltreisenden S 3 / 4  

Skizze: Fridel Dethleffs-Edelmann: 174040_Blaufelden bei Rothenburg oT_Bleistift_1934_In Reisetagebuch 1 v. 1934-S.5_

Wunderschönes Caravaning

Es ist wunderschön so zu reisen – Uns fehlt nichts, wir haben ein komfortables Haus mit auswechselbarem Garten und stets neuem „Blick aus dem Fenster“  S. 5

Grünewald hat seine Lilien 1519 gemalt – die Lilie von Fridel Dethleffs entstand 1930

Wir haben am Sonntagnachmittag die "Stuppacher Madonna" von Grünewald  in der Pfarrkirche Mariä Krönung bei Bad Mergentheim in ihrer Kapelle besucht. Sie hat mir einen tiefen Eindruck gemacht. Schade, dass die Häuser und der Tempel im Hintergrund so stark restauriert sind. Das Blumenstilleben mit den Lilien im Vordergrund hat mich besonders begeistert  S. 6

Das Gemälde links war schon 1930 - also vor dieser Reise 1934 gemalt worden: Fridel Dethleffs-Edelmann_151078_Marienlilie_Öl_LW_Platte_1930_ ausgestellt und veröffentlicht u.a. 2015 Gesellschaft Oberschwaben_

 

 

Großreinemachen, Windeln waschen

Mittwoch vor Nürnberg: Ich machte im Wagen „Großreinemachen“ und wusch Windeln im Bach, die dann lustig vor der Villa im Bach flatterten. Es kamen kaum Neugierige zu mir. Ursula lag in der Sonne auf Decken im Gras und „fraß“ jungen Löwenzahn. Es war sehr nett. Am Abend brachte Arist Besuch mit S. 7

Ursulas erstes Freibad im Teich

Romantik am Montag: Ein kleiner Weiher, Felder, Bäume mit zartem, ersten Grün und ein Hügel mit einem feinen, alten Schloss – dazu in der Nacht ein heiteres Froschkonzert unter sternklarem Himmel. Und in diesem Teichlein nahm Ursula ihr erstes Freibad.

Am selben Abend ein Betrieb und ein Bestaunen! So viele Kinder – und alle lachen mit ihr, da musste man immer wieder juchzen und hüpfen und zu winken. Ursula war selig. S.7

Liebevoller Hitlerjunge

2 Tage danach: Auf einem Wiesen-Weg – nahe einem kleinen Föhrenwäldchen, eines Bächleins und Schrebergärten. Arist von früh bis Abend in der Stadt. Ich windelwaschend, großreinemachend und Ursula versorgend..

Ein Hitlerjunge wich kaum von unserer Seite und hütete mir das Menschlein. Am Reisetag war er schon wieder früh um 6 Uhr zur Stelle. S. 8

Mit Nazi-Fahnen geschmückt

Nürnberg:  An Hitlers Geburtstag (20.4.) Fahrt durch die mit Hakenkreuzfahnen geschmückte Stadt. Ein großartiger Eindruck. S. 8

Ursula wird vor Publikum abgeseift

In Amberg hängte mich Arist hinter dem Bahnhof und somit versteckt ab. Gefunden wurden wir auch dort: Die Lausbuben, jung, alt und mittelalterlich standen Schlange vor unserem Fenster. Ich hatte im Sinn, Ursula gründlich zu reinigen und Wäsche zu waschen. Das war so nötig, dass ich mich nicht davon abhalten lassen konnte. Ich schickte einen kleinen rothaarigen Buben nach Wasser und seifte Ursula vom Kopf bis zum Fuß ab, ölte sie und zog ihr frische Hemdchen an – vor begeistertem Publikum. Was sollte ich machen! Bei vorgezogenen Vorhängen wars zu dunkel, bei geschlossenem Fenster zu muffelig – also  - ignorierte ich alle Zuschauer. Ursula war mit meiner Pflege zufrieden – Sie lachte mit den Zuschauern, stand auf und hüpfte quietschvergnügt. Nun brachte ich natürlich die Leute erst recht nicht weg.  S. 8 / 9

Idylle mit kaltem Flußbad – nur Ursula wollte weiter

An der idyllischen Waldnaab, direkt am Wasser bei einer kleinen Baumgruppe, 1oo m über der Landstrasse: Vom Wagen aus hatten wir den Blick so, als säßen wir in einem Schiff und schwämmen auf dem Wasser. Diese zufällige Illusion wurde dadurch noch verstärkt, dass wir sehr heftigen Wind und den dadurch bewegten Wagen hatten.

Es war am Samstag und Sonntag: Großputztag. Zweimal nahmen wir in der Frühe trotz der Kälte und des Windes ein Flußbad. Es erfrischte ganz wunderbar und wir genossen diesen schönen Platz – nur Ursula wollte Autofahren. Es war ihr fürchterlich langweilig solange zu Hause zu bleiben. Sie schimpfte wie ein Rohrspatz und wir mussten alles Mögliche aus dem Küchenschrank zum Spielen hervorholen. S.11  Rechts: Skizze: F. Dethleffs-Edelmann_174041_Vor Marktredwitz auf der Landstrasse_Zeichnung-Bleistift-Tinte_1934_In Reisetagebuch 1 v. 1934-S.10

Im Wald da sind die Räuber – Dethleffs von Gendarmen gesucht

Einmal fanden wir erst ziemlich spät einen Rastplatz - Arist hatte lange zu tun – dann fuhren wir einfach in eine Seitenstraße, die durch einen Wald führte. Wir waren gemütlich beim Abendessen als draußen ein Gendarrn klopfte und die Papiere verlangte. Irgendjemand hatte ihn angerufen: „Weil am Wald zwei Wagen gefahren sind und weil man ein Kind schreien gehört hatte.“ Wir waren also als „Kinderräuber“ verdächtig. Als der Hüter des Gesetzes, der per Motorrad und mit Begleiter gekommen war, uns und unsere Behausung gründlich angesehen hatte, zog er lachend und sich entschuldigend wieder ab. S. 12

Mystische Vollmondstimmung

Bei Hof a.d.Saale hatten wir einen romantischen Wohnplatz: ein hübscher, klarer Quellteich – fast ein Halbkreis und drum herum Felsen von 2 Seiten auf die Mitte zu aufsteigend, ein bißchen Grasplatz, ein Weg – langsam in diesen Quellhain hineinführend, frischgrüne Birken und Haselsträucher. Bei Vollmond schien dies nun mystisch. Die Felsränder ruhten wie Kulissen, die reglosen Bäumchen standen wie schwarze Silhouetten gegen den gelb erleuchteten Himmel und nahmen fantastische …. Formen an. - Ich habe diese Vollmondstimmung und ihre beinah unheimlich schöne Wirkung genossen weil ich bis ½ zehn Uhr in der Nacht auf Arist wartete, der fast endlose Besprechungen zu führen hatte.  S.13

Links: Skizze von F. Dethleffs-Edelmann _174042_Wunsiedel bei Hof - Blick auf Teich u.Steinhalde_Zeichnung Bleistift_1934_In Reisetagebuch 1 v. 1934-S.15

Beschenkt mit frischem Wasser, Milch und Lebensmitteln

Eine Arbeitersfrau, die ich nicht angesprochen hatte, brachte mir Trinkwasser, besorgte uns Milch und Lebensmittel – alles ohne gebeten zu werden.Wir sind immer wieder erstaunt, wie entgegenkommend viele Menschen sind.  S. 14

Ursula wird ausgeliehen

Am Freitag sahen wir mit unseren Davoser Skikameraden in einem Paddler-Film an, der Wild-Wasserfahrten durch Bosnien zeigte. Am Sonntag mit allen zusammen und der Familie beim „Anpaddeln“ an der Saale, im Stadtgarten spazieren und irgendwo am Wasser Kaffee trinken.Ursula hatte ich zweimal der Mutter unseres Freundes und seiner Schwester„geliehen“.S. 14 u. S.17

Vor dem Selbstmord

Am Sonntagmorgen lugte plötzlich ein Mann von ca.40 Jahren bei uns zum Fenster herein und erklärte nach einer kurzen Einleitung, dass er sich jetzt aufhängen müsse. Dabei zog er einen grünen Gartenstrick aus seiner Tasche, bei dessen Anblick ich ihm erklären musste, dass selbige ihn gewiss nicht aushalte. Auf die Frage nach dem Grund dieses Entschlusses erklärte er uns: “net amol a Maß kann i heut trinke.“ Na, da können wir ihm ja aushelfen: Wir gaben ihm eine Mark und er erklärte sich sofort bereit, weiter zu leben. Wir waren froh, als er wieder abzog und er freute sich, das sein Trick geglaubt worden war.  S. 18

Reiseschlafwagen

Am 2. Und 3. Maitag machten wir …unsere Maienfahrt – zuerst bis Berneck, dann durchs Fichtelgebirge –unsere letzte Tour war ganz besonders schön. Unseren „Reiseschlafwagen“ – wie der Anhänger neuerdings vom Publikum genannt wird- ließen wir in Berneck auf der Straße stehen.  S. 19

Im Dom zu Bamberg bei Riemenschneiders Kaiser Heinrich

In Bayreuth sah ich nicht viel Interessantes, als ich mit Ursula einen Bummel machte. Dagegen war Bamberg des Besuchs mehr wert. Bis Arist Zeit hatte, mit uns den Dom zu besichtigen, pilgerten wir durch die Historische Altstadt und ich freute mich an den malerischen und schönen Plätzen. Im Dom standen wir lange an Riemenscheiders Grabmal des Kaisers Heinrich und seiner Gemahlin Kunigunde. Ursula fand das ein bißchen langweilig – Sie schrie einmal auf vor Unmut in den stillen gotischen Gewölben.  S.20

Kriegskrüppel stört beim Zeichnen

Nun ist Montagmittag. Ich sitze in der Schlageter-Strasse in Würzburg – Gottseidank sehr unbehelligt. Glücklicherweise schläft auch unsere kleine Person und ich komme endlich wieder zum Zeichnen. Dabei wurde ich von einem Kriegskrüppel gestört, der sich sehr missliebig über die Zukunft im „3. Reich“ äußerte. S.23

Remidemi am Main bei Würzburg

Wir hatten wieder ein wunderschönes Wochenendplätzchen. Am Main, am Zelt- und Lagerort der Würzburger Paddler. Weitab von der Stadt und dem Betrieb – sehr ruhig und friedlich – 100 Schritte vom Wasser, bei einer hohen, alten Pappel und einer frischen kräftigen Quelle.

Am Sonntag bekamen wir Gesellschaft, die uns jedoch nicht störte; es wurde am anderen Ufer Geige gespielt und an verschiedene Orten ließ man Grammophone los glücklicherweise nicht alles auf einmal. Einige Paddlerinnen waren mit Ursula närrisch und schleppten sie herum… Wir badeten, wir aßen um 4 Uhr zu Mittag: Spargeln und neue Kartoffeln mit großem Genuss. S.23

Rechts: Skizze von F. Dethleffs-Edelmann: 174043 _Am Main bei Würzburg_ Zeichnung Bleistift Tusche_1934_In Reisetagebuch 1 v. 1934-S.21

Nazi-Minister Ernst Röhm (SA) in Würzburg kurz vor seiner Ermordung

Bei unserem Einzug in Würzburg am Samstag kamen wir gerade dazu, als die SA vor dem Stabschef Röhm mit Musik vorbei marschierte. Wir wussten natürlich nichts von dessen Wichtigkeit und stellten unseren Wagen auf dem Schlossplatz direkt hinter den von Röhm. Wir mussten dann später hinter seinem Wagen im Promenadentempo durch die Hauptstraßen folgen. –S.24

Nachbemerkung: Ende Juni war die SS am Sonntagnacht auf den Straßen: Stabschef Erich Röhm, den wir samt seinem Stab damals in Würzburg gesehen hatten, ist verhaftet und am folgenden Tag wegen Hochverrats angeklagt und getötet worden.

Verhaftung E. Röhm : 30. Juni/1. Juli 1934  S. 72

Besuch in Schloss Ebenhausen bei Kissingen

Am Montag hatten wir wieder mal eine meiner Freundinnen besucht. Auf Schloss Ebenhausen nahe Kissingen lebte Ilza Thiergarten-Utz als Leiterin einer Geflügelfarm mit Freund und ihren beiden Kindern.

Dieses „Schloss“ ist ein alter, sehr verwahrloster Bau mit einem Hof voller Wasserpfützen in denen wir fast stecken blieben. Ilza lebt geradezu wie ein Bohème aber armselig – trotzdem war es sehr gemütlich bei ihr. Zum Glück hat uns der „Schlossgeist“ , der zur Abendzeit spucken soll, nicht gestört – wir schliefen in unserem Heim sehr gut. Zum Abschied hat uns der Freund 25 Eier geschenkt. S. 26

Oberhausen bei Hersfeld-Hessen

Diesen flüchtig skizzierten Blick hatte ich in Oberhausen bei Hersfeld. Der Wagen stand an der Seite der Landstraße. Rechts eine Böschung mit dicht belaubtem Gebüsch und eine Quelle mit wunderbarem Wasser. Links standen blühende Apfelbäume. Ich wusch wie gewöhnlich Windeln. S.26

Links: Skizze von F. Dethleffs-Edelmann: 174044_Oberhausen bei Hersfeld-Hessen_Zeichnung Bleistift_1934_In Reisetagebuch 1 v. 1934_S.27

 

 

Sabbat in Niederaula – Überraschung im 3. Reich

Niederaula ist ein merkwürdiges Dorf – für heutige Begriffe des 3. Reichs. Es gibt hier Juden, die Kühe melken und die Landwirtschaft betreiben. Überhaupt – so viele Juden hab ich doch seit Hitlers Regierung nie mehr auf einem Fleck gesehen. Da es gerade Sabbat war, als wir kamen, sah man sie auf allen Gassen. Wir bekamen sogar die Milch von einer jüdischen Familie. Die Frau, die melkte, sieht aus wie eine rechte Dame, trotzdem sie dörflich gekleidet ist. Wir durften am Samstag mit unserer Milchkanne erst um 9 Uhr abfahren. Anscheinend verbietet der Ritus vor dieser Zeit aber zu verkaufen. S. 30/31

Rechts: Skizze v. Fridel Dethleffs-Edelmann 174045_Blick durch Drahtzaun auf Niederaula_Zeichnung Bleistift_1934_In Reisetagebuch 1 v. 1934-S 31

Die zerbrochene Schüssel mit Sauermilch

Unser Geschirr hat sich inzwischen wieder um 2 von den hübschen Schüsseln und um 1 Teller verringert. Arist hatte wieder mal Ursula zu füttern, derweil ich das Essen richtete. Auf dem Tisch – in guter Entfernung von den beiden stand die hübsche große Schüssel mit 1 ½ l Sauermilch – wer  denkt da Böses?

Plötzlich – bautz – Ursula war wie der Blitz an der Schüssel – die Schüssel auf dem Boden und in Scherben und die Sauermilch auf des Vaters beiden Hosenbeinen – und zwar der ganzen Länge und Breite nach. Diesmal wusch ich den Boden mit Sauermilch. Er wurde sehr sauber und zart- und die Hosen auch. S. 32

Etwas peinlich – sonst war es hübsch auf dem Schloss

Auf Schloss Eichenberg bei Kassel machten wir vorerst den letzten Besuch bei meinen Freundinnen aus der Akademie in Karlsruhe. Bei Elisabeth von der Neuenburg. Es fiel uns schwer, uns den Sitten dieses "fürnehmen" Hauses anzupassen – nachdem sich die unsrigen im Laufe der letzten Wochen sehr gelockert hatten. Ich schlängelte mich glatt durch. Arist – zum Glück er – beging den Fauxpas bei Tisch als Ursula unruhig wurde, etwas Unmögliches sagte, das ich leider nicht entziffern konnte..

Eine drei Sekunden lange, peinliche, allgemeine Stille folgte. Wir zwei lächelten uns verständnisvoll zu….Ursula zeigte, dass sie noch durchaus unerfahren in den guten Sitten ist.

Die alte Baronin und Elisabeth besuchten uns am 2. Abend im Wagen, als ich das Menschlein fütterte. Das stieß auf wie ein Fuhrknecht und böllerte, wie eine Schnellfeuerkanone. Zum Schluß bekam Elisabeth noch einen nassen Rock. Daraufhin empfahlen sich die beiden Damen.

Sonst war es sehr hübsch für uns auf Eichenberg. S. 33

Rechts: F. Dethleffs-Edelmann _101115_Eichenberg bei Kassel_Aquarell_1920 - 14 Jahre vor der Reise gemalt  

Pfingstmontag: Feiertag mit Familie, Treffen mit Zigeunern

Hameln: Bad in der Weser bei Sonne und scharfem Wind. Ein guter Kaffee zum Frühstück und Mutters Hutzelbrot dazu. Windelwaschen – Ursula besorgte mir zum Feiertag ausnahmweise 3 mal was in die Hose – ein bißchen Briefeschreiben, 2 Interessenten (ernste scheinbar) den Wagen zeigen, am Nachmittag eine Spazierfahrt im Auto durch das festlich beflaggte Hameln – es wimmelt von Menschen und Kraftwagen aller Art, zurück und auf den Ohrberg-Park – dort Bockwurst mit Senf und Bier, weil kein Eis und keine Torten zu haben. Unterwegs unsere „Collegen der Landstraße“ getroffen – Zigeuner mit einem alten Auto als Zugwagen für ihren Karren – dann noch ein bisschen vor unserem Haus gelustwandelt – bei der Eisfrau für 40 Pfennige Gemischtes geholt und mit Hochgenuss verspeist.

Am Dienstagvormittag sitze ich wieder in Hameln und warte auf Arist. S.36

Links: F. Dethleffs-Edelmann _101098_An der Weser_Aquarell_1927 - nach einer Paddelfahrt auf der Weser gemalt

Erste Nachtfahrt nach Minden

Arist wollte abends noch nach Minden an der Weser fahren um morgens gleich in der Frühe an die Arbeit zu kommen. Wir fuhren daher das 1. Mal bei Nacht und bogen dann knapp vor der Stadt in einen Seitenweg ein. Wir stellten das Dach hoch und entdeckten vor dem Schlafengehen, dass wir bei einer Badeanstalt standen – nahe der Weser. Wir hatten also unser Morgenbad sicher: zwar ein bisschen kalt diesmal. Ein scharfer Wind blies und wegen des gestrigen Regens war das Wasser sehr abgekühlt. S. 37

Rechts: F. Dethleffs-Edelmann _102248_ Minden-Weser_Aquarell_1927 - nach einer Paddelfahrt auf der Weser gemalt

Die Westfalen – frisch gekochte, geschälte Kartoffeln

Die Menschen in Westfalen waren wie ihre Behausungen: versteckt, kaum sichtbar, scheu – nicht allzu heiter, wenig gesprächig, oft recht unfreundlich. Ich war wenig entzückt von ihnen und besorgte uns nur ungern Milch in ihren Höfen.

Doch auch ich wurde eine Tages gleich 2mal durch besonderes Entgegenkommen in Erstaunen versetzt. In einem Dorf, weitab von der Hauptstraße gab mir eine Bauersfrau Milch, Eier, Honig und frisch gekochte, geschälte Kartoffeln – das wir sofort zu Rührei verzehrten.

Als wir dann abends einen Stellplatz suchten, bot uns ein Bauer ungefragt sein eigenes Land als Stellplatz an. S. 38

Einführung in den Bau von Wohnwagen

In Bremerförde ging ich auf die Post und traf ein Ehepaar, das sich ein Wohnauto bauen lassen wollte. Ich musste sie über alle Einzelheiten unsres Wagens unterrichten. S.39

Verbotene Fahrt zum Leuchtturm an der Elbe

Fährhaus Twielenfleth an der Elbe:  Beim Fährhaus stand das <Verbotszeichen> für Kraftwagen. Der Blick auf die Elbe war sehr schön, doch hinter dem Deich sah man nichts mehr davon. Wir wollten aber am Sonntag am Wasser sein und alles vom Wagen aus genießen. Es nieselte stark und war recht kühl – also nicht erfreulich im Freien. Wir wollten schon traurig wieder abziehen, als uns ein Einheimischer sagte, dass der Gendarm nicht sehr streng sei mit denen, die das Verbotszeichen nicht sahen.

Also fuhren wir die nicht sehr breite Deichstraße entlang – nach einem Weg, der nach außerhalb führte, suchend. Da ging es nun ein Stück steil den Deich hinauf, da stand die Nase des Wagens scheinbar frei in der Luft- und sogleich auf der anderen Seite abwärts hinunter. Auf einem ganz manierlichen Weg, den wir im Schneckentempo entlang schaukelten bis zum etwa 500 m entfernten Leuchtturm – das war Spitze.

Der Leuchtturm – ein Stück alte Ritterburg – stand mit gotischen Fenstern auf einem steilen Zementfundament wenige Meter vor der Elbe. Wir waren begeistert!

Der Wärter kam und bestaunte und begrüßte uns nur. Er beglückwünschte uns zum vorhergesagten Westwind, der unserem Wagen trockene Füße und trockene Luft darunter verhieß und zudem eine sorglose Nacht. Dann saßen wir noch am Fenster und sahen den Samstagsbetrieb auf der Elbe. Die großen, kleinen und mittelgroßen Schiffe, Fracht- und Personendampfer, schnelle und langsam dahin gleitende – die Lichter der nahen und fernen Leuchttürme blinkten und leuchteten still und unbewegt in die Nacht. Um Mitternacht gingen wir zu Bett und hörten nichts mehr als halb im Schlaf manchmal das Tuten eines großen Schiffes, das vorne bei der Signalstation seine Ankunft meldete.

Am Samstag in der Frühe liefen die letzten Überseedampfer aus dem Hamburger Hafen aus – an uns vorbei. Dann war es den ganzen Tag ziemlich ruhig – nur wenige Segler hatten sich bei dem Wind hinausgewagt. Wir stiegen mit dem Wärter auf seinen Turm und ließen uns alles erklären und freuten uns an dem Bild aus der Vogelperspektive.

Ursula bekam dann – von der Frau des Wärters – warmes Wasser für ein richtiges Wannenbad S.42

Foto oben links: Die drei Dethleffs - Das Cabriolet musste vorsichtshalber abgedeckt werden, das Wohnauto war dagegen schon 1934 wetterfest und mit Hubdach sogar fast airconditioned.

Deutsche Schleuser bringen verfolgte Juden nach Dänemark:

Vom Leuchtturmwärter erfuhren wir, dass sich an der dänischen Grenze in letzter Zeit gut Geld verdienen ließ. Viele Juden, denen es im 3. Reich zu ungemütlich wurde, ließen sich von Fischern mit ihren Booten nach einer kleinen Spazierfahrt jenseits der Grenze absetzen, um nicht mehr zurückzukehren. S. 43

Die Fahrt an die See endete im Watt

Wir fuhren nochmals zur Küste und landeten am Dorumer Tief. Freuten uns riesig, als wir erfuhren, dass wir bis zum Wasser mit dem Wohnauto fahren könnten. Und dann leuchtete es silbern vor uns. Durchs Gras fuhren wir geradewegs drauf los – aber oh Schreck – Da war ja keine Spur von Wasser – wir waren am Wattenmeer und es war Ebbe.

Weit und breit nichts von der See zu sehen. Im Tief stack die ganze Dorumer Fischerflotte im Schlick und wartete auf die Flut, die ihnen in der Nacht zum Krabbenfang behilflich sein sollte.

Es war trotz der Enttäuschung schön in der Einsamkeit. Im Gras nickten im sanften Wind die lila Strandblumen und im Westen sank langsam die Sonne im widerspiegelnden Schlick. Es war bis ½ 10 Uhr noch hell. Um Mitternacht setzte die Flut ein – um 2 Uhr hörte ich die Fischer hinausziehen und ihre Motoren ratterten, dann vernahm ich eine zeitlang gleichmäßigen Wellenschlag – als wir nach 6 Uhr aufstanden war wieder alles trocken. S. 45

Zeichnung Rechts:  F. Dethleffs-Edelmann _172011_Norddeich_Zeichnung Bleistift_1934

Wir leben zu teuer

Wir haben heute, am letzten Mai unsere Monatsabrechnung gemacht. Und es stellte sich heraus, dass wir schon 120 M für den Haushalt ausgegeben haben – also weniger geräucherten Aal essen, mehr Pfefferminztee und weniger Kaffee trinken. Ja der geräucherte Aal, frisch aus der Räucherei, der ist sehr kostspielig..

Ein mittelgroßer kostet 100 M. Steinbeißer und Flundern für 6 M tun‘s auch. Und schließlich Lachs und Makrelen oder Bücklinge.

Die Spargelzeit ist nun auch bald zu Ende. Auf dem Feld haben wir uns zuletzt 3 Pfund gekauft. Wir leben nicht schlecht: wir essen Aal vom Papier herunter, weil die fettigen Teller so schlecht zu spülen sind.

Unfall – ein Loch ist im Wagen

Der 1. Juni fing damit an, dass ein Michfuhrmann unseren Anhänger mit seinem Karren rammte und uns ein Loch zum Flicken blieb, für das er 25 M zahlte. Hoffentlich flickt man es uns für die Summe. S. 46

Ohne Heizung = gefrorene Scheiben im April

Ich bin froh, dass es endlich wieder warm ist und wir Im Freien sitzen können. Dass man nachts auch ohne Trainingshose, Schlafrock oder Bademantel ins Bett kann. (Einmal hatten wir gefrorene Scheiben). S. 46

In der Weser Wäsche waschen – ein Problem

Geestemünde: Wir schliefen die 1. Nacht am Kai zwischen Baggern und Werkstätten – allerdings in guter Entfernung. Am Morgen fuhr uns ein liebenswürdiger, junger Mann im Boot auf den Sandstrand auf der anderen Weserseite zum Morgenbad. Nachdem ich meine Hausarbeiten erledigt hatte, wollte ich Wäsche waschen. Das Wasser war ganz in der Nähe. Aber – oh Schreck – 2 m stand ich über der Kaimauer.

Das Wasser war hier unerreichbar. Ich musste mit meinem Eimer voll Wäsche wieder abziehen. S.48

Wenn zwei sich streiten…

Wir parkten in Geestemünde auf einem Weg zwischen Wochenendgärten unter dem Schatten eines dicht belaubten Baumes, 10 Schritte von einer Kuhweide entfernt, die direkt an den Strand grenzte. Wir hatten ein gutes Gewissen.

Jedoch - der Weg war Privatweg und von einem Wochenendler gepachtet. Der Pächter war ein Herr, der einen stark entwickelten Eigentums- und Ordnungssinn hatte. Als wir am Abend von der Stadt  zurück kamen, marschierte er seinen Gartenweg entlang und trat auf Arist zu mit der nicht sehr höflichen Frage:

„Na, Sie wollen wohl hier übernachten?“

In Arist stieg das Blut, eine original Dethleffs’sche Zorneswoge stieg in ihm hoch und in ebenso scharfem Ton, wie die Frage gestellt war, gab er zur Antwort:

„Natürlich wollen wir das!“

Worauf die beiden Hünen sich noch einige knappen Sätze zuriefen – bis der Pächter – seine Gartenweg wieder zurückschreitend ausrief:

(Diesen Ausruf hat FDE leider nicht notiert)

Arist kam zornentbrannt in sein Wigwam und wollte sofort packen und abziehen. In 2 Minuten hatte ich das Hitzethermometer wieder auf normal und unser Hausvater zog etwas schuldbewusst ab, um ein anderes Gelände ausfindig zu machen. Er hatte eingesehen, dass Herr Schmid gewisse Rechte auf den Weg hatte und er eventuell doch zur Höflichkeit verpflichtet war. Mir war das Umziehen ein Gräuel. Zudem war der Platz gut und schön. Also zog ich meinen guten Mantel an, setzte eine selbstbewusste, aber zur Liebenswürdigkeit geneigte Miene auf und marschierte den Gartenweg entlang, an dem schöne blaue Lupinen blühten. Ich stellte diesem Herrn die höfliche Frage, wie weit er denn über den „Privatweg“ zu verfügen hätte, da wir uns nicht mehr als nötig zurückziehen möchten.

Zuerst wurde ich mit kalter Miene empfangen. Meine scheinheilige Höflichkeit entwaffnete den Zorn des Herrn jedoch sofort. „Ach wir störten doch gar nicht. Wir könnten gerne bleiben.“

Wir hätten nur gleich unsere Absicht sagen sollen usw. Hierauf ein bisschen Conversation mit Mann, Frau und Sohn - man wünschte sich gegenseitig einen schönen Sonntag und ich zog befriedigt nach Hause. Allwo der Gatte etwas ratlos stand, denn kein anderer Platz war an diesem Abend möglich.

Knurrend willigte er ein und wir blieben. Wir aßen Pudding zu Nacht und darüber vergaß der „Herr des Wagens“ seinen verletzten Stolz – zumal ich ihm berichten konnte, dass der „Herr der Parzelle“ sich sehr schuldbewusst gefühlt hätte.

Der Sonntag war herrlich. Uns störte auch nicht, dass wir bis zum Dienstag massig Besucher hatten, die uns zu dem Fenster hereinschauten und somit unserer Tochter große Freude bereiteten.

Am Dienstag früh fuhren wir weiter – durch Nord-Oldenburg. S.49-50

Rechts : F. Dethleffs-Edelmann _102032_Frühling-am-Stadersand/Elbe_Aquarell_1935

 

 

Ursulas Kopfsprung vom Hochbett auf das Sofa

Original Ursulas Hochbett

In Bremen ist Ursula zum 1.Mal aus dem Bett gefallen. Sie konnte nicht warten. Bevor ich das Netz ganz entfernt hatte, das zu ihrem Schutz am Gitter befestigt war,  stand sie auf und machte darüber schnell einen Kopfsprung in die Tiefe – in diesem Fall aufs Sofa. Als ich sie schreckensbleich hochhob, lachte sie mir strahlend ins Gesicht. S. 51

Besichtigung zweier Kriegsschiffe

In Wilhelmshafen besichtigten wir den „Kreuzer Leipzig“, das einzige, größere Kriegsschiff, das gerade im Hafen lag und das Torpedoboot „Jaguar“. Ursula schleppten wir trotz anfänglichen Protests des wachhabenden Offiziers, der sie einem Matrosen zum Aufbewahren geben wollte, überallhin mit. Sie war sehr brav und lachte mit den vielen blauen Onkeln. Während wir auf dem „Jaguar“ waren, schlief sie großenteils im Auto und erhielt, als sie aufwachte und am Fenster hochkam Gesellschaft von 2 liebenswürdigen Matrosen mit denen sie herzhaft lachte als wir zurückkamen. S. 53

Frühmorgens - Flucht vor lärmenden Kühen

Am Bensersiel: Den Wagen stellten wir unterhalb des Deiches zur Seeseite hin neben einer Kuhweide auf. Das sollte uns schlecht bekommen: wir hatten nicht mit der Neugier und Hartnäckigkeit der Kühe gerechnet. Früh um ¾ 5 weckten sie uns aus tiefstem Schlaf mit mehrstimmigem Muh-Muh. Bald danach wackelte der Wagen, es klopfte an die Wände und rieb sich an unserem sonst so gepflegten und rücksichtsvoll behandelten Lack – Arist fauchte und scheuchte die Kühe – wir hatten 5 Minuten Ruhe, darauf ein erneutes, lautes Muhen und wieder rieb sich ein vermaledeites Beast den Buckel an unserer Hauswand oder leckte den Tau der Nacht von unseren 4 Kotflügeln. Arist war nicht mehr zu halten, er kuppelte an und fuhr den Hang hinauf, jenseits der Umzäunung, wo wir im Schutze einer Scheunenwand dann bis zum Montag früh standen. S.54

Skizze links: F. Dethleffs-Edelmann _ 174046_Blick auf die Elbe_Zeichnung-Bleistift-Tinte_1934_In Reisetagebuch 1 v. 1934-S.52

Die „Arche“ des Schriftstellers Hauser

In einer ostfriesischen Kleinstadt erzählte uns freudestrahlend ein junger Mann, er habe gestern unseren Wagen in der Zeitschrift „Woche“ abgebildet gesehen: mit Außen- und Innenaufnahmen. Als wir dies bezweifelten und ihm sogar unsere Fotos zeigten, blieb er bei seiner Behauptung und holte uns schnurstracks seine Zeitschrift „Woche“.

Das war nun aber nicht unser fahrendes Heim, sondern die „Arche“ des Schriftstellers Hauser aus Hamburg – äußerlich und innerlich total anders – vor allem knallbunt rot-weiß. Mag sein, dass er ähnlich gebaut ist und vielleicht zur selben Zeit vom Stapel gelaufen ist - Hauser fährt jetzt kreuz und quer durch Deutschland.

Bild von Frau Dethleffs-Edelmann verkauft – Geld gleich angelegt

Mutter schrieb mir vom Verkauf eines Bildes in der Stuttgarter Kunstvereinigung, wo ich im Mai eine Kollektivausstellung hatte. Jetzt kann ich mir, das Kleid kaufen, das ich mir schon in Karlsruhe hatte anschaffen wollen: Es ist ein hübsches Hellblaues mit einem blau-weiß-schwarzen Seidenkragen und …. S. 59

Arbeitsdienst singt „Grün ist die Heide“

Bei Syke, einem Ausflugsort der Bremer „Waldfreunde“  kampierten wir diesmal.Der Morgen war einzig schön. Sonnengold spielte auf dem Boden, zwischen den Stämmen und im Laub, die Vögel jubilierten und sangen mit den vielen, vielen Arbeitsdienstlern um die Wette, die in Reih und Glied an uns vorbei marschierten.

„Grün ist die Heide“ schallte es immer wieder durch den hohen Dom. Ursula war entzückt    S. 59

Foto rechts: Hausmusik war 1934 "en vogue" bei Akademikern. Hier spielt Arist Dethleffs Zieh-Harmonika für seine Frau und Ursula - normalerweise spielte er lieber auf seiner Violine. Aber das Akordeon harmonierte besser mit Camping. Im Hintergrund das Wohnauto mit Vorzelt, das in der eigenen Sattlerei in der Fabrik hergestellt worden war. 

Neue Kupplung - dazu mein Krankenbett in der Reparaturwerkstatt

Einige Tage später sitzen wir in der Großautoreparaturwerkstatt Westfalia in Wiedenbrück. Arist will sich eine neue Kupplung einbauen lassen. Unser Cabriolet und das Wohnauto stehen in der Halle. Uns hat man auf der Wiese hinterm Haus, wo wir die Nacht schliefen (natürlich im Wagen),  ein Zeltdach gegen die Sonne gespannt. Und da sitzen wir nun und warten. Vater Arist steckt im Monteuranzug und hilft.

Am nächsten Tag war ich krank. Es war mir unmöglich aufzustehen. So musste ich, während an dem Wagen gehämmert, gebohrt und gelötet wurde, in der stickigen Luft der Werkstatt im Bett liegen.

Mich kostete es einen Wasserkakao zur Heilung – etwa 1 l Wasser und 3 Kaffeelöffel Kakao. Er war dünn und half nicht viel. Ich konnte auch die nächste Nacht nur wenig schlafen und das hatte zur Folge, dass es mir am nächsten Tag noch schlechter ging. Arist hatte nun neben seiner Arbeit auch den Haushalt und Ursula zu versorgen. S.61

Armut ist spürbar

Eine Augenweide sind in fast allen Städten die großartigen Schaufensterauslagen –besonders die der

Lebensmittelgeschäfte. Sie könnten nicht anregender und dekorativer wirken – die armen Hungrigen, die daran vorbei laufen müssen.

Arist wollte in einer sog. „Wiener Mandelrösterei“ für mich Mandeln kaufen. Da hörte er 2 Männer reden – der eine sagte: „Ja Mandeln, wenn wir bloß Geld hätten.“ Darauf kaufte Arist keine Mandeln mehr in diesem Geschäft. S.66

Neid auf die vielen SA- und SS-Besitzer der Autos

In Aachen war geflaggt. Großes Reit- und Fahrtunier! Wir fuhren kreuz und quer durch die Stadt.

Eine Unmenge holländischer Autos standen auf den Parkplätzen – schwere, elegante Wagen. Aber auch deutsche „freie Kisten“ sieht man sehr oft von SA- und SS-fahrern gesteuert (worüber

sich das Volk nicht wenig ärgert – man bekommt das bald jeden Tag zu hören.) S. 67

Ursula ins Krankenhaus Cöln

Ursula hatte am Samstag in Cöln etwas Schnupfen. Nach dem Sonnenbad am Nachmittag war er wieder verschwunden. In der Nacht fing sie an zu husten. Ich sah nach ihr – sie hatte sich aufgedeckt.

Sie hustete weiter, ich musste wohl ein halb Dutzend Mal nach ihr sehen. Am Morgen hatte sie schweren Atem und röchelte. Drum fuhren wir um ½ 6 Uhr nach Köln ins Krankenhaus und ließen sie untersuchen. Die Ärztin meinte, es könne eine Lungenentzündung geben. Was nun? S.68-69

 

Bild links: F. Dethleffs-Edelmann_101035_Frachthafen in Köln _Aquarell_1927 _ Das Bild entstand nach der Paddeltour der Künstlerin bis hinauf nach Nordeutschland.

Eilige Nachtfahrt von Cöln nach Karlsruhe zu Tante Ruth ins Krankenhaus

Arist telefonierte mit Tante Ruth (Ärztin in Karlsruhe) – die meinte, wir sollten einfach zu ihr kommen. So fuhren wir um ½ 9 Uhr aus Cöln ab mitten durch die Nacht nach Karlsruhe. Die Fahrt war geradezu phantastisch. Bis Coblenz war ein Autoverkehr wie am Schnürchen.Es ging durch enge Straßen und um scharfe Ecken meist im 50 oder 60 km/h Tempo. Ab 22 Uhr wurde es ruhiger, ab 23 Uhr kaum noch ein Wagen. Später überholten wir nur noch den einen und anderen der „Riesen der Landstraße“.

Von Koblenz bis Bonn und auch noch ein Stück oberhalb Mainz fuhren wir am Rheinstrom entlang. Märchenhaft war das auf der toten Landstraße. Wir fuhren durch Städtchen wie Bacharach, Rheine, Rolandseck, und vorbei an hell erleuchteten Lokalen aus denen dann und wann ein wenig Musik erklang – sahen Paare Arm in Arm --- und an allen Übergängen SS-Leute in schwarzer Uniform. Alles sauste an unseren Augen vorüber – und unsere Ohren horchten auf den Atem der kleinen Ursula.

In Mainz war niemand mehr auf der Straße. Wir fuhren den Markierungen nach bis Worms. Der Strom war nun breit geworden, das Land flach und weit, aus der Dämmerung tauchte das Gelb der Korbfelder auf. Nebeldunst lagerte über den Wiesen. Mannheim – der erste Marktwagen – verschlafene Männer und Frauen, die ihre Gäule trotten lassen und kaum auf unser Hupsignal hören.----Und nun wird es Morgen – ganz schnell – wir werden munter und Ursula atmet ruhiger. Jetzt der Hardwald, das Schützen-Haus und die altbekannten Spazierwege – mein Gott – Wir sind ja in Karlsruhe. Mensch – Arist – in Karlsruhe.

Um 5 ¼ Uhr kamen wir an. Knapp 1 Stunde später lag Ursula in einem großen, weißen Eisenbettchen in Ruth’s Klinik und ich hatte mein Bett in ihrem Zimmer. Diagnose: es könne eine Lungenentzündung werden. Ursula schlief mit einem kalten Wickel der Homöopathin gut durch - sie war schon wieder ganz fidel am nächsten Morgen.

Eben wacht Ursula auf – dank Ruth ist sie gesund - und wir fahren zur Großmutter und am Tag danach - am 6. Juni 1934 – feiern wir alle zusammen Ursulas 1. Geburtstag. Zusammenfassung von S.68 bis 72

Gemälde rechts: F. Dethleffs-Edelmann_152101_Fridels Freundin Dr.med.Ruth Schad-Blos_Öl-Leinwand_1932_Sammlung: Lenbachhaus München_Inv_Nr_K_4288

Bildnis meiner Mutter Luise Edelmann
Öl Malplatte 1927

Gemälde oben: F. Dethleffs-Edelmann _ 152052 _Bildnis meiner Mutter _Luise_Edelmann_ Öl-Malplatte_1927

 

Für die Mitarbeit an dieser Ausstellung bedanke ich mich herzlich bei:

Herrn Knittel und seiner Mitarbeiterin Frau Wahl vom TV-Studio-Knittel;

Frau Susanne Rauss-Dangel vom Erwin-Hymer-Museum;

Dr. R. Lächele und Harald Binder, den beiden Geschäftsführern der „D.I.E.Firmenhistoriker“ GmbH

Herrn Christian Tauscher, der das standardisierte Programm Typo 3 immer wieder aufbohrte, um meine, eigentlich unmöglichen Sonderwünsche für das Museum 4.0 zu erfüllen.

Bernd Riedle Juli 2016