1937 – Der erste Dethleffs in Rostock

Mein Großvater, Franz Balgé wurde 1903 als Sohn einer Kaufmannsfamilie in Rostock geboren. Nachdem sein älterer Bruder im Ersten Weltkrieg gefallen war, übernahm er selbstverständlich den Familienbetrieb.

Er war als Kaufmann in Rostock ausgebildet worden. Danach kamen erste Berufsjahre bei einem Geschäftsfreund der Familie in München. 1934 kehrte Franz Balgé nach Rostock zurück.

Er war ein begeisterter Sportler als erfolgreicher Kanufahrer. Für ihn war klar, dass er das von den Eltern übernommene Unternehmen (Mütze, Hüte und Pelzwaren) erweitern würde. Er baute den Groß-und Einzelhandel von Sportartikeln neu auf. Das neue Sportgeschäft wuchs schnell so stark, dass die bisherigen Ergebnisse weit übertroffen wurden.

Die jungen Deutschen hatten inzwischen ihre Freude am Reisen in der Natur entdeckt. Auch Franz Balgè zog es aus der Stadt hinaus ins Grüne. Er und seine Freunde begannen im Freien zu campen. Dann erinnerte er sich: Schon in seiner Zeit in München hatte er einen Wohnwagen bewundert - den "Kleinen Dethleffs". Mit ihm konnte man die freie Natur genießen und war doch weit vom regen-nassen Boden weg; außerdem bot er viel mehr Stauraum für Kanufahrer als alles andere. Erste Kontakte mit dem Wohnwagen-Pionier Arist Dethleffs in Isny hatte er schon von München aus geknüpft. Der Gedanke, als Erster Wohnwagen in Rostock zu verkaufen, lagen bei dem Unternehmer Franz Balgè nahe: viele Vorzüge des Wohnwagens konnten sein Geschäft beflügeln.

1937 erwarb Franz Balgé bei Arist Dethleffs seinen ersten "Kleinen Dethleffs". Der Wohnwagen mit dem praktischen Hubdach musste nur noch in Isny ​​(Allgäu) abgeholt werden. Er fuhr mit seinem Cabrio fast 1.000 km vom äußersten Norden bis in den tiefen Süden von Deutschland. Die neue Reichsautobahn war ein Traum - fast keine Autos. Allerdings musste er dazwischen immer wieder auf holprige Straßen ausweichen.

Am Anfang der Reise war man auf das Gasthaus angewiesen. Die persönliche Übernahme des Wohnwagens in Isny ​​bot Franz Balgè die Chance, den geschätzten Wohnwagen-Pionier Arist Dethleffs und seine Familie zu treffen. Darüber hinaus konnte er den Bau der Wohnwagen in seinen Anfängen kennen lernen: es war bestes Handwerk, das früher nur durch Können und Teamarbeit vernetzt war. Für den Kundendienst von Franz Balgè war diese Tour durch die Fabrik die beste Lehre. Auf der Rückfahrt - und während der Aufenthalte in Baden-Württemberg und Bayern - konnte man endlich im neuen Wohnwagen kochen, essen und herrlich schlafen. Gemeinsam war der Stolz auf das eigene "Haus auf Rädern" riesig.

Zurück in Rostock wurde der neue Wohnwagen in der Nähe des Geschäftshauses Balgè am Hopfenmarkt vorgestellt: der Platz im Zentrum von Rostock war ideal. Natürlich waren die ersten Besucher verblüfft. War das vielleicht ein Zigeunerwagen? Günstig war, dass die Neugierigen durch das Fenster an der Rückseite innen Überraschendes bewundern konnten: Küche, Waschbecken, Wohnraum mit Tisch usw. Andre konnten sehen, dass sie dank des Hubdachs sogar innen stehen konnten. Eine junge Frau entdeckte ganz hinten - über dem Fußende der Sitzgruppe - sogar ein echtes Kinderbett!

Zuerst wollten die Besucher den "Kleinen Dethleffs" als neue Attraktion sehen. Später wurden aus Besuchern auch Käufer. Aber das brauchte seine Zeit. Bis zum Beginn des Krieges konnte Franz Balgè einige Wohnwagen bei Dethleffs bestellen und an Kunden in ganz Mecklenburg liefern.

Damals war es selbstverständlich, dass der einzige Wohnwagen sowohl für den Verkauf als auch für das Hobby der Familie Balgè genutzt wurde. In der Freizeit besuchten sie die schönsten Orte in Mecklenburg, vor allem an der Ostsee. Dort traf man sich mit den Freunden der Ostsee Kanuten = OK. Oft mit dabei war als Liebling aller: der schwarze Schnauzermischling.

1939 war mit dem Ausbruch des Krieges die glückliche Wohnwagen-Zeit in Rostock beendet. Franz Balgé selbst wurde zum Militärdienst eingezogen. Das Militär beschlagnahmte den Wohnwagen für militärische Zwecke. Er ist später nie mehr aufgetaucht.

Nach dem Krieg gab es unter der russischen Besatzung keine Chance, Dethleffs-Wohnwagen wieder zu verkaufen. Franz Balgè wurde im kommunistischen Teil Deutschlands - wie viele andere Unternehmer auch - gezwungen, sein Unternehmen aufzugeben.

Von Rechtsanwalt Morten Weise - Enkel von Franz Balgè
(Kontakt zum Verfasser: weisemorten@freenet.de)